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Michael Wildenhain

Autor(a) de Wer sich nicht wehrt

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Includes the name: Carl Wille

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Der Literaturwissenschaftler Jörg Krippen wird als Gastdozent nach London eingeladen. Schon bei der Ankunft in seiner Bleibe begegnet er einer jungen Frau, die zugleich etwas Bekanntes wie auch etwas Faszinierendes hat. Als sie in seinem Seminar auftaucht und ihn dann auch noch auf Deutsch anspricht, ist er mehr als verwundert, lässt sich aber auf eine Affäre ein. Bald schon muss er jedoch feststellen, dass sie sich nicht zufällig über den Weg gelaufen sind, sondern dass Mae dies alles geplant hat und ihn tatsächlich schon aus Berlin kannte. Berlin, seiner Heimat, wo auch seine Frau Sabrina und sein Sohn Leon sind und eigentlich das gemeinsame Leben stattfindet, aus dem sich Jörg gerade mehr und mehr flüchtet. Schnell entfremdet er sich von seinem alten Leben, doch die Vergangenheit holt ihn ein, eine Vergangenheit, die noch vor der mit Sabrina lag.

Sirene, die, ein weibliches Fabelwesen der griechischen Mythologie, das mit seinem Gesang die Männer betört und schließlich tötet. Auch bei Michael Wildenhain singen die Sirenen und locken Jörg Krippen an, der scheinbar den Verlockungen der Frauen nichts entgegenzusetzen hat und sich wehrlos ausgeliefert sieht. Sabrina lockt ihn und kann ihn für ihre Ideale einnehmen, auch Mae ergibt er sich unmittelbar. Was in der Mythologie einen gewissen Reiz hat, weil immer die Hoffnung besteht, dass eines dieser Fabelwesen seinen Willen nicht bekommt, wird bei Wildenhain jedoch zu einem lahmen Männerbild, das mich nur teilweise überzeugen kann.

Jörg Krippen als Figur ist schwach. Beruflich weitgehend gescheiter, privat auch nur wenig vorzuweisen, als Vater versagt. Statt sich der Realität zu stellen, flüchtet er: in ein anderes Land, in eine andere Beziehung. Immer wenn es gilt, Verantwortung zu tragen, läuft er weg. Was soll mir diese Figur sagen? Dass es schwache Menschen gibt? Ja, natürlich. Dass es feige Menschen gibt? Sowieso. Aber wo bleibt die Lösung? Der Roman liest sich sehr gut, sprachlich tadellos und überzeugend. Aber auch ein wenig zu glatt, zu smooth, um Reibungspunkte zu erzeugen. Er kann an einigen Stellen überraschen, aber insgesamt für mich der Roman, der bezogen auf Handlung, Figuren, Thema und auch Sprache von den Nominierten der Longlist zum Deutschen Buchpreis der blasseste und am wenigsten überzeugende Roman ist.
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miss.mesmerized | 1 outra resenha | Sep 29, 2017 |
Dr. Jörg Krippen, Dozent für Literatur aus Berlin mit einem 3 monatigen Lehrauftrag in London, gerät ins Straucheln. Verheiratet, Vater von dem 15jährigen Leon, ehemüde, landet er in einer obsessiven Affäre mit der indisch stämmigen Mae, einer betörenden Schönen, die in der Embryonenforschung promoviert. Sie macht ihn mit ihrer Schwester Arundhati und deren Sohn Raji, einem begnadeten Schach- und Rugbyspieler bekannt. Jörg erkennt in Arundhati eine Geliebte aus früheren Zeiten und wird gewahr, dass der ihm fremde Junge sein Sohn ist. Leon dagegen, den den er hat aufwachsen sehen, ist nicht mit ihm verwandt. Krippen taumelt zwischen Erinnerungen und Zweifeln, er nimmt das Angebot des vermögenden Cousins der Schwestern an und reist mit Mae in die Staaten und später nach Dresden, um über die Pegidabewegung zu berichten. In Rückblenden, Verschachtelungen und Andeutungen entsteht ein komplexes Bild, das schonungslos, zeitweise brutal und zunehmend spannend die Tragik der Männer in unserer Gesellschaft beschreibt. (s. "Das Lächeln der Alligatoren" ID-A 11/15) Ab mittleren Beständen empfohlen.… (mais)
½
 
Marcado
Cornelia16 | 1 outra resenha | Jul 27, 2017 |
Klaus Pokatzky: Der Roman der Berliner Hausbesetzer-Szene - Aus der Traum - Michael Wildenhain: "zum beispiel k.". Alles wie gehabt: Eine Weile durften die Hausbesetzer Schlagzeilen machen, avancierten zu gefragten Informanten der Magazine und Funkanstalten auf deren Trips in die alternative Welt - dann waren sie ausgelutscht. Heute fragt kaum noch einer nach ihnen. Wenn ihnen alle paar Wochen mal wieder eines ihrer instandbesetzten Häuser weggenommen wird, dann bringt dies, wenn überhaupt, eine winzige Meldung. Solange schlagzeilenträchtige Straßen- und Steinschlachten ausbleiben, scheint die Frage müßig, was aus ihren Zielen und Sehnsüchten geworden ist. Da erscheint zur rechten Zeit ein Buch, dessen Autor selbst eine Zeitlang Hausbesetzer war. Keine analytisch-politisierende Schrift, sondern eine Erzählung, spannend, sehr schön und sauber geschrieben. Das ist keine Hausbesetzer-Biographie, sondern ein stellenweise außerordentlich witziges, gelegentlich auch boshaftes Stück Literatur, in dem der Autor sicherlich manche persönliche Erfahrung untergebracht, in deren Kunstfigur K. er aber geschickt und schlüssig eine ganze Reihe von Personen und Charakteren aus seiner Besetzer-Umgebung gepackt und verarbeitet hat. Zu befürchten ist leider, daß bei der Resonanz auf diesen Erstling der hier geschaffene, unverstellte und ungewohnte Einblick in die Szene der Bewegung im Vordergrund stehen und die sprachlichen und stilistischen Qualitäten des Werkes übersehen werden. Dabei macht dieses gerade den Reiz aus: daß hier einer, dessen Parteinahme und Parteilichkeit gar nicht zur Debatte stehen, mit großem Bemühen um sprachlich-formale Überzeugungskraft, offen und unverkrampft, ohne Rücksichtnahme auf negative Reaktionen oder gar Rachegefühle in der Szenerie, das schildert, was ihm widerfahren ist mit Besetzern und Sympathisanten, mit Polizisten und anderen Militanten, wie er sie erlebt und gesehen hat. Damit werden etliche Mythen und Legenden zerstört, an denen nicht nur Journalisten, sondern auch die Hausbesetzer selber kräftig mitgestrickt haben: Hier wird nichts romantisiert und verklärt, hier wird Klartext geredet, auch wenn das nicht nur für den Autor schmerzlich ist. Ein unabhängiger Kopf blickt zurück, mal ironisch, mal erbittert, und immer ziemlich souverän die literarischen Spielformen nützend. Was der Verlag veröffentlicht, ist die dritte Fassung des ursprünglichen Manuskripts. Daß hier nicht nur ein sorgfältiges Lektorat, sondern auch ein fleißiger Autor am Werke waren, merkt man an jedem Kapitel. K. ist einer, der am Anfang in Berlin vor sich hinstudiert, nebenher in Betrieben jobbt, wo er bei Kopierarbeiten zwischendurch auch rasch mal ein eigenes Gedicht in den Vervielfältiger schieben kann. Er lebt zu Hause bei den Eltern in Schöneberg, spart sein Geld, um irgendwann doch die lang ersehnte Reise nach Asien anzutreten - und hat unentwegt seine kleinen, und großen Probleme mit der geschlechtlichen Innen- und Außenwelt. Zu den schönsten, weil witzigsten, sensibelsten und persönlichsten Passagen gehören die Stellen, in denen Michael Wildenhain seine "Beziehungskisten" und "-kästchen" schildert. Der "Gesichter, die am Montag tot sind, um am Freitag zu leben und am Sonntag zu sterben", denen er alltäglich in der U-Bahn begegnet, mehr und mehr überdrüssig, wird K., der politisch Aufmerksame, von dem Boom der Hausbesetzungen zur Jahreswende 1980/81 animiert. Also gibt er sein Ticket für Asien zurück, besetzt mit einigen anderen sein und ihr Haus - und macht schließlich die Entwicklung mit, die so viele in der Berliner Besetzerwelt erlebt haben. Da stürzen erst wir Mediengeier uns auf die Besetzen Nachdenkliche (und opportunistische) Politiker aller Schattierungen loben sie, weil erst sie die Gesellschaft, endlich, wenn auch mit radikalen Methoden, auf unerträglichen "Wohnungsleerstand" und widerliches Spekulantentum hingewiesen haben. Eine Zeitlang wird, durch das publizistische und politische Klima gefördert, das Hausbesetzen zu einer relativ risikolosen Mode-Erscheinung: Wenn auch nicht legal, so erscheint es vielen doch als legitim, und die Hausbesetzer erfreuen sich eines beträchtlichen Ansehens in weiten Teilen der Öffentlichkeit - und keineswegs, wenn auch da besonders stark, nur bei Jüngeren. Die Hausbesetzer haben ihr positives Bild, weil sie radikal auszuleben versuchen, wovon viele nur zu träumen wagen: ganz andere "Lebenszusammenhänge", Wonnen nicht mehr nur in isolierten Anderthalb-Zimmer-Silos, ja, noch nicht einmal in verstreuten Wohngemeinschaften - sondern Leben in Hausgemeinschaften ohne Hauswirt oder spekulierenden Eigentümer. Ja: Leben in ganzen Blöcken und Straßenzügen wird schon gedacht und geplant und am Reißbrett liebevoll-säuberlich und hübsch bunt anzusehen von sympathisierenden Architekten und Städteplanern ausgemalt - wieder mit alten Fahrradwerkstätten und Töpfereien und Kräutergärten im Hinterhof, mit kleinen Läden, Altencafes, Mieterberatungen unten im Haus. Es sind Träume von einer heilen Welt inmitten der kaputten Großstädte - Träume, die so konsequent noch nie in diesem Lande geträumt und, wenigstens ansatzweise, in die Realität umgesetzt wurden. Michael Wildenhain schildert, weniger warum als vielmehr, wie dieses so nicht kam, sondern wie den Besetzern, von einer anfangs enthusiastischen Sympathisantenschaft mehr und mehr alleingelassen, der Atem ausging - bedrängt von einer härteren Politik und einer immer härter werdenden Polizei. Wildenhain beschreibt die Parasiten unter den Besetzern, das oft selbstverschuldete Unvermögen, mit den hochfliegenden Illusionen und Plänen auch nur ansatzweise Schritt zu halten. Und er beschreibt, eindringlich und schonungslos, die Gewalt in den Köpfen und den Herzen und den Händen - die Gewalt, wie sie lustvoll und sinnlos von Militanten unter den Besetzern ausgeübt wird, als Selbstzweck mehr und mehr; aber auch die Gewalt, wie sie lustvoll und sinnlos von Polizisten praktiziert wird. Zu den stärksten Szenen im Buch gehört k.s Begegnung mit dem früheren Freund Andi, dem Kumpel aus gemeinsamen Zeltlagern, den er nun bei einer Demonstration als Polizeibeamten wiedertrifft: "Dann hat k. in zwei augen gesehen, die durch seinen kopf genagelt blieben, geradeaus festgebunden, über den dünnen oberlippenbart, zwischen backen, die heiß geworden sind, hey, andi, hat k. sagen wollen, hätte der andere einen schritt gezögert, ausgestellte füße, die hände am rücken verschränkt, den kleinen gummiknüppel an der schlaufe, k. denkt an die gemeinsamen Zeltlager und leckt mit der zunge die trocknen lippen, versteckt das lächeln schnell im einem gähnen, 'kennst du den bullen?' fragt ihn eine lederjacke, und k. wedelt mit dem kopf." Michael Wildenhain gehört, zu jenen Hausbesetzern, welche die Entwicklung bis zum heutigen Tage vorausgesehen haben, nicht nur die Verfahrensweise des anfangs halbwegs liberalen CDU-Senats, sondern auch die Unmöglichkeit einer solchen Bewegung, sich in unserer Gesellschaft zu halten. Von den rund 200 Häusern, die in Berlin zeitweilig besetzt waren, werden letztlich vielleicht zwanzig Prozent übrigbleiben: mit ordentlichen Miet- und Nutzungsverträgen ausgestattet, nach langwierigen Verhandlungen mit Senat und Wohnungsbaugesellschaften. Der Rest wird abgeräumt, und viele Leute werden auf der Strecke bleiben: einige bei Demonstrationen festgenommen, inhaftiert und verurteilt - und das sind nicht immer die, die wirklich Steine geworfen haben. Wer dieses Milieu in Berlin kennt, wird Wildenhain recht geben: Viele Besetzer sind in den letzten zweieinhalb Jahren in einer ganz neuen, seltsamen Weise "politisiert". "Im Moment ist alles in Auflösung begriffen", sagt Wildenhain im Gespräch, "und das ist ja vielleicht auch ganz gut so, denn das schafft ja vielleicht eine neue Offenheit."… (mais)
 
Marcado
Aficionado | May 10, 2015 |
Hubert Winkels: Michael Wildenhains schon historischer Berlin-Roman - ein Schlachtengemälde;
Und das jetzt! 1991! Ein Roman über Hausbesetzer, Straßenkämpfer, Terrorprolls im Berlin der achtziger Jahre, eine Schlacht von gestern, eine Wut von vorgestern, ein Pflasterstein und Tränengastanz der autistischen Art, ein mit seiner Schäbigkeit protzendes Fest leerer Gewaltrituale, ein schwerer metallener Trommelwirbel und eine trancehafte Bewegung auf der Stelle. Großer, fauler Romanzauber. Ein Autor hat Angst, sein Thema zu verlieren. Er beschwört es mit einer Heftigkeit und Monotonie, als wolle er Tote rufen. Und das tut er. Michael Wildenhains "Kalte Haut der Stadt" ist eine mechanische Parade toter Straßenkämpfer. Der dreiunddreißigjährige Berliner Schriftsteller Michael Wildenhain hat sich als poetischer Chronist des Kreuzberger Kiez einen Namen gemacht. Er hat sich literarisch einer Szene verkoppelt, die zu einer Zeit die grellsten Blüten trieb, als ihr soziales und politisches Anliegen hinter extremen Aktionen unerkennbar geworden war. Er hat die Entwicklung der Hausbesetzerszene von innen beschrieben. Erst mit kritischer Solidarität in seiner Erzählung "zum beispiel k" (1983), dann mit trotzigen Gesten der Entfernung in "Prinzenbad" (1987). Damals waren im hohle Ideologie und leere Ritualisierung bitter aufgestoßen, und seine Sympathie war der härtesten Probe ausgesetzt. "Ich sage: wir haben verloren. Nix Dialektik. Grabt euch doch ein und wartet, von mir aus wie eine Kugel, die im Gewehrlauf schweigt. Seitdem ist die Kreuzberger Gewaltszene doppelt obsolet geworden. Sie war schon eine unter vielen sektiererischen Gemeinden mit eigenen Lifestyle Regeln und Sprachkonventionen geworden, bevor die Berliner Mauer fiel. Erst recht nicht mehr politisch anschlußfähig ist sie heute, wo sich ganz andere soziale und politische Kräftefelder auftun. Doch letzteres kümmert Wildenhain schon nicht mehr, sonst hätte er vielleicht gestutzt über die Verwandtschaft militanter Formen bei Skinheads und Autonomen. Der Schriftsteller hat sich auf etwas anderes kapriziert: Er will den Kampf und den Krieg herausdestillieren aus den zivilen Verworrenheiten des Alltags; er will die Rede wie einen dumpfen Schlag, den Steinwurf statt des Arguments, er will die sprachlose Rohheit der Ausgestoßenen in dunklen Glanz tauchen. Kurz: Er will zivilen Zeiten das große Schlachtengemälde abringen. Zu diesem Zweck sucht er gesellschaftliche Nischen auf und simuliert seinen Krieg. Er braucht brennende Wannen und zornige Helden, geplünderte Supermärkte und fliegende Zündsätze, Männer, die Auge und Bein, Frauen, die ihr Ungeborenes in der Schlacht verlieren. Er will das alles in größtmöglicher erzählerischer Gleichzeitigkeit. Der 600 Seiten umfassende Roman besteht im wesentlichen aus zwei Straßenschlachten: eine beim Häuserkampf 1981, die andere ein acte gratuit zum 1. Mai 1987. Eine heiße Kreuzberger Nacht kann auf nahezu zweihundert Romanseiten anwachsen, mit allen Seitensträngen, eingekapselten Rück- und Vorblenden, den ganzen zeitlichen Schleifen raus und wieder rein ins Getümmel. Gleichzeitig ist das ästhetische Ideal von Wildenhains Roman, bei dem ihm Döblins Berlin-Roman "Alexanderplatz" erkennbar Pate stand. Gleichzeitigkeit ist ihm aber auch die Antwort auf die technische Frage, wie der Krieg im Text zu bannen ist. Doch die immer wieder und über lange Strecken gestaute Zeit erzeugt Monotonie statt Intensität. Die Beschreibung verselbständigt sich, der Inhalt gefriert. Am Ende steht eine Folge von Standbildern. Schlachtstandbildern. Unverbunden. Zweidimensional. Starr. Gleich der erste Satz des Romans stürzt mitten ins Geschehen. "Das dumme Schwein" von Polizeisenator hält noch fromme Reden, nachdem die Häuser schon geräumt sind. Die Kämpfer schlagen ihre Eisenstangen rhythmisch auf die Hochbahnpfeiler, und man kann hören, daß der Rhythmus des einleitenden Satzes den der bewaffneten Trommler aufnimmt und fortsetzt. Solcher Rhythmus wird aus dem Text nicht mehr weichen und seine Monotonie verstärken. Die hektisch treibenden Akzente bleiben ebenso gleich wie ein weiteres penetrant wiederholtes Stilmittel: abrupte, die Syntax sprengende Einfügungen. Ständig unterbrechen Ausrufe, minimale Fetzen eines inneren Monologs und Sprüche im härtesten Berliner Slang die langgezogenen Sätze. Literarischer Spontaneismus, zur Manier erstarrt. Monotonie und Manier: Mittel, die der sinnentleerten ritualisierten Handlung im Roman korrespondieren. Doch als literarische Formen tragen sie auf Dauer nicht. Das Lesen wird erfahrungslos, wird selbst zu einem leeren Ritual. Sicher war es nicht die Absicht von Michael Wildenhain, am Beispiel sinnloser Tumulte den Leerlauf allen menschlichen Bemühens zu demonstrieren. Nihilismus ist seine Sache nicht. Es könnte die seiner Figuren sein. Doch haben die ein fixes Feindbild, undifferenziert, kompakt, gesichtslos wie es sich gehört: die Bullen. Ein wiederkehrender Leitsatz des Romans lautet: "Ejal, watte tust, die Bullen, dit is dit janz falsche Ding". Nein, Michael Wildenhain will uns die Geschichte einer Handvoll Personen erzählen, die bereits mittendrin stehen in der Feindschaft, die sich im Kampf behaupten, sich praktisch, in der Tat beweisen, ansonsten gleichsam einem Charakterverbot unterliegen. Es zählt, was einer tut. Das Tun, das zählt, ist Kampf. Alle weitere Bestimmung der Person folgt daraus oder ist unerheblich. Und die Helden kämpfen, wenn es sein muß bis zum Tod. Wenn überhaupt eine politische Theorie als Motor des Romans in Frage kommt, dann die der Feindschaft von Carl Schmitt, bei dem es heißt: "Die Begriffe Freund, Feind und Kampf erhalten ihren Sinn dadurch, daß sie insbesondere auf die reale Möglichkeit der physischen Tötung Bezug haben und behalten. Krieg ist nur die äußerste Realisierung der Feindschaft. Fragt sich nur, woher diese coole und szenemäßig getönte Leidenschaft für offenen Kampf und Krieg kommt in einer Situation, in der die Idee der Zivilgesellschaft alle weiterreichenden Utopien abgelöst hat. Doch Wildenhain hat gar keinen Gegenwartsroman geschrieben, sondern einen historischen Roman. Sein stilistischer Furor der Gegenwärtigkeit dient der Verdrängung dieses schlichten Sachverhalts. Natürlich lassen sich aus der Folge von Standbildern auch Figuren und ihre Verstrickungen herauslösen. Sie bleiben zwar schematisch und maskenhaft, doch immerhin, die Handlungsfäden sind geschickt und großräumig gesponnen. Kai, "Artist und Kämpfer, hat einen Polizisten mit dessen eigener Pistole bedroht und flieht für Jahre nach Paris, später Rom. Corinna hat einen Polizisten-Pistolenlauf durchs Mädchengesicht gezogen bekommen. Jochen hat ein Auge verloren, ein Polizist hat ihm die Brille in den Kopf geschlagen; wegen Mitarbeit bei einer radikalen Zeitschrift muß er für Jahre in den Knast; gebrochen kommt er wieder raus, zieht mit Manuela in eine winzige Hochhauswohnung, wird schließlich bei einem Einbruch von einem Polizisten erschossen. Hans erhängt sich, weil er bei der Arbeit niedergemacht wird und seine Freundin Vera beim Fremdgehen erwischt. Erich, Liebhaber Veras, arbeitet in der Küche des Berliner ICC, Abteilung Abwasch. Ebenso Max, der seinem Prollvater eine Flaschenscherbe über Hals und Gesicht gezogen hat, bevor er zur kämpfenden Truppe stieß. Max sägt seinem karatekämpfenden, ausländerhassenden Waschküchenchef einen Finger ab. Der schäbige Behlo wird zum Verräter wider Willen. Die sexuellen Beziehungen sind heftig und wechseln häufig. Vera und Manuela treiben ab. Der Photograph PP verliert ein Bein bei einem Selbstmordversuch unter der U-Bahn. Max verteilt Streifen und blaue Augen in Schwulen- und Yuppiegesichtern. Ein Kino geht zu Bruch, Türblätter werden zerfetzt, Telephonhäuschen kippen, Fahrkartenschalter werden aus der Verankerung gehämmert. Der Bahnhof brennt. Und immer wieder die Helden im Kampf mit den Bullen. Gefühlsechte Helden der Kreuzberger Art. Sie haben Pickel, Hautausschlag und Dreck in allen Körperfalten, sie sind verletzt, beschädigt an Leib und Seele, sie gehen auf ihre stumme, sture, stolze Weise durch diese Krater, Graben, Auswurflandschaft, die Kreuzberg heißt. Schmutzige Soldaten des ewigen Bürgerkriegs. Ein richtiges Ende gibt es nicht. Der Kampf geht weiter. Der letzte Absatz bemüht das Futur. Verräter Behlo wird einen richtigen Bullenspitzel töten, und, letzter Satz, er wird "Völker und Signale hören, auf zum letzten Gefecht, die Internationale hören, kämpft für euer Recht". Wildenhains Stärke liegt ganz zweifellos in der räumlichen Beschreibung. In forcierter Expressionistenmanier schmiert er mit pathetisch düsteren Metaphern etliche stimmungsvolle Großstadtszenen hin. Besonders der Himmel über Berlin hat es ihm angetan ("kranker Himmel, Tier aus Stahl", "Himmel, wie ein zerbrochener Flaschenhals", "Himmel, grau, die Hornhaut eines Bunkers"), doch Plastizität und Tiefenschärfe gelingen ihm damit nicht. Es fehlen die Menschen, individualisierte Perspektiven. Manchmal, spürt man, möchte Wildenhain uns einen Typen als einzelnen zu erkennen geben, doch der schwere Sound der Sprache läßt das nicht zu. So bleibt "Die kalte Haut der Stadt" trotz allem ein spätpubertäres Spiel mit Zinnsoldaten des Straßenkampfs. Man kann an diesem kapitalen Fall von einem mißlungenen Roman gut erkennen, woran ein Erzähltalent gescheitert ist. Weil hier nämlich ein romantechnisches mit einem politisch-ideologischen Problem zusammenfällt. Das Bestehen auf der Tat, dem erfüllten Augenblick des Kampfes, ist Verweigerung von Distanz und Spielraum. Es läßt Begründung und Argumentation nicht zu. Das Bestehen auf der Gegenwärtigkeit als Erzählform andererseits, die sich dieser Kampfvision anschmiegen will, ist ebenfalls Verweigerung des Abstands, gestattet weder Reflexion noch Ironie. Wildenhain verweigert sich dem epischen Präteritum. Ob Rückblenden oder Imaginationen, Reden oder Assoziationen, alles ist drängender Vordergrund, dramatisierte Präsenz, alles wird vom selben treibenden Rhythmus, von derselben mechanischen Genauigkeit an die Oberfläche gepreßt. Und der Erzähler hockt weggeduckt in den wechselnden Figuren, versteckt sich hinter Kämpfermasken. Vielleicht marschieren die gepanzerten Lederjackenfreaks nur so heftig lärmend an der Kreuzbergfront herum, damit man sein Schweigen nicht hört, das Schweigen eines verunsicherten Erzählers, der sich an sein Thema klammert. Wenn er nicht bald losläßt, wird der Schriftsteller Wildenhain mit seinem Thema untergehen.… (mais)
 
Marcado
Aficionado | Apr 29, 2015 |

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